ADHS Trip Lago Maggiore Teil 1 – 06.08.2025 bis 07.08.2025
- biancapeiler
- 12. Aug. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Hallo an alle neurodiversen Menschen, aber auch an alle neurotypischen Menschen da draußen!
Heute präsentiere ich euch den 1. Tag unseres ADHS-Trips an den Lago Maggiore inklusive allem, was da schief und krumm und buckelig war. Und natürlich gibt es ein paar kleine Erklärungen dazu, was die ADHS Neurobiologie angeht.
Viel Spaß bei unserem ADHS Reisetagebuch Teil 1!
Abfahrt Richtung Schweiz -oder: Autofahren mit ADHS Gehirn
Es ist Mittwoch, der 06.08.2025. Um 9 Uhr habe ich noch einen Coaching-Termin, das Auto ist um diese Zeit schon komplett gerichtet. Um elf Uhr dreißig packe ich meine drei Kinder ins Auto und wir düsen los.
Geplant ist zunächst die Ankunft in Altstätten in der Schweiz, etwa fünf Stunden Fahrt stehen uns bevor. Dort habe ich einen kleinen, aber feinen Stellplatz für 20 CHF gefunden, und zwar diesen hier: Wohnmobil Stellplatz Altstätten | Allmend Rheintal | keine Reservation nötig
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Mein Mann macht sich immer Sorgen, wenn ich so lange mit dem Auto unterwegs bin. Tatsächlich bin ich sonst nirgends so fokussiert wie beim Autofahren: Die monotonen Geräusche sorgen für eine perfekte niederschwellige Stimulation meines ADHS Gehirns. ADHS-Gehirne brauchen konstante Stimulation. Langeweile, absolute Stille, das „In-uns-Eintauchen“ können wir nur schwer ertragen.
Beim Autofahren bin ich also über lange Zeit wirklich hochkonzentriert. Lange Fahrten liebe ich, besonders wenn die richtige Musik dabei ist.
Anfangs fahren wir zu den dröhnenden Bässen von „Kpop Demon Hunters“. Den Film liebe ich ebenso wie meine zwölfjährige Tochter und wir haben so manchen schönen Moment beim Schwelgen in dieser tollen Geschichte verbracht. Selten hat mich in den letzten Jahrzehnten ein Film so angesprochen.
Aber ist ja auch klar – man kann seeeehr viel ADHS da hinein interpretieren. ;-) Falls ihr den Film noch nicht gesehen habt, schaut ihn euch an, er ist wirklich empfehlenswert.
Ähem ... hat hier etwa jemand ADHS?
Nach etwa 100 km Fahrt fetzt ein typischer ADHS Gedanke durch mein Gehirn und, ebenfalls ADHS-typisch, spreche ich sofort aus, was mir durch den Kopf geht (ungeschönt widergegeben): „Oh scheiße, wisst ihr was? Ich hab Zahnpasta vergessen.“
Jau, das ist die Krux auf diesen Fahrten: Alles, was man am Morgen vor der Abfahrt noch braucht, ist in Gefahr, vergessen zu werden. Und dieses eine Mal hab ich mich nicht an meinen kleinen Skill gehalten, einfach zwei Tuben Zahnpasta zu kaufen und eine davon sofort in den Auto-Organizer zu packen.
So ist das bei ADHS: Du kannst noch so organisiert sein, deine exekutiven Funktionen machen dir oft einen Strich durch die Rechnung.
Ich beschließe, an der nächsten Raststätte dann eben eine Tube zu kaufen. Wahrscheinlich bezahle ich statt 1,49 Euro dann 4 Euro, aber das verbuche ich unter "ADHS Steuer".
Fünf Minuten und „What it sounds like“ von Huntrix später mein nächster Ausruf: „Oh leck, Streichhölzer! Mist, verdammter.“
Ein Campingkocher ist super, insbesondere der gasbetriebene. So ursprünglich, dass ich mit Feuersteinen Feuer entfache, sind wir aber dann doch nicht. Macht dann noch einmal ein, zwei Euronen mehr als es hätten sein müssen.
Im Ernst: Wenn ich zusammenrechne, was ich in meinem Leben schon an ADHS-Steuer ausgegeben habe, hätte ich mir wahrscheinlich statt eines engen Nissan Evalia einen Luxuscamper leisten können.
Halt so Dinge, die einem mit ADHS dauernd passieren ...
Die Fahrt geht flott und wir kommen nur selten in einen Stau. Irgendwann müssen wir aber mal dringend was essen und der Tank wird ebenfalls zunehmend leerer, also fahre ich an einem Rasthof ab. Wo genau dieser ist – ich könnte es hier en detail beschreiben, wartet, es liegt mir auf der Zunge, beziehungsweise den Fingern ... ach, was red ich, ich habs natürlich vergessen.
Menschen mit ADHS ziehen gewisse Situationen magisch an, das kennt jeder, der im ADHS Spektrum ist. Daher finde ich im Shop des Rasthofes erst mal einen verlorenen Geldbeutel und rufe impulsiv – alle Blicke auf mich, es ist ja nicht so, dass ich´s kenne – durch den kompletten Laden, ob jemand seinen Geldbeutel vermisst. Gerade als ich ihn an der Kasse abgeben will, kommt die dankbare Besitzerin auf mich zu und ich übergebe den Fund.
Das war natürlich noch nicht alles, und nachdem ich die Tankladung, ein Feuerzeug und Zahnpasta für Erwachsene („Die ist zu schaaaaarf, die nehm ich nicht!!!“, "Wäääääh, ich putz dann ooohne Zahnpastaaaa!", "Stellt euch nicht so an, ihr Opfaaaa!" - K3, K2 und K1 in exakt dieser Reihenfolge) bezahlt habe, machen wir uns auf den Weg zum Parkplatz, wo wir nur noch ein lautes Quietschen und einen darauf folgenden Knall hören. Mir ist sofort klar, was passiert ist.
In ADHS-Gehirnen sind die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin anders reguliert, in Therapeutensprech „dysreguliert“. Das bedeutet, wir haben auch zu wenig Adrenalin da, wo es eigentlich ankommen soll. Nun passiert folgendes: Wir erleben eine Notsituation, es wird also massiv Noradrenalin ausgeschüttet. Ein neurotypischer Mensch, dessen Botenstoffe "normal" reguliert sind, startet dann bei einem viel höheren Noradrenalinlevel als ein Mensch mit ADHS, dessen Noradrenalin gefühlt regelrecht durch die Decke geht.
Wir sind also in solchen Situationen hellwach und extrem reaktionsschnell. In echten Notsituationen sind wir Menschen mit ADHS unschlagbar und reagieren instinktiv genau richtig.
Habt ihr also mal einen Unfall – hofft einfach, dass ein ADHSler als Ersthelfer zur Stelle ist. Da werden Sie geholfen.
Das Gleiche passiert also nun mit mir:
Ich weise meine Kinder sofort an, ins Auto zu steigen, was sie – da sie die Notsituation ebenfalls erkennen – ohne zu murren tun. Dann sperre ich das Auto ab.
Als Nächstes hetze ich über den Rasthof in Richtung Autobahn, wo ein weißer Sprinter in die Leitplanke gefetzt ist. Zum Glück konnte der Fahrer selbständig aussteigen. Ich frage ihn, ob er verletzt ist – nein –, sichere mit einem anderen Fahrer die Unfallstelle und hetze zurück zu meinen Kindern, die im Auto gewartet haben.
Auf die Polizei zu warten kommt mir sinnlos vor, da ich den Unfall nicht gesehen, sondern nur gehört habe und mehrere andere Zeugen vor Ort waren. Also kümmere ich mich lieber wieder schnell um meine Kinder, die zwar im abgesperrten Auto sitzen, aber ... naja, Kinder mit ADHS. You know.
Abflug Richtung Italien mit ADHS-typischem Durchhaltevermögen
Wir düsen dann auch sehr schnell ab, weil ich fest damit rechne, dass die Autobahn gesperrt wird – und Menschen mit ADHS hassen nichts so sehr wie Warten. Das gilt insbesondere für eine gesperrte Autobahn und Stau … wenn du dann noch mit drei Kids im Alter von 7, 10 und 12 im Auto sitzt, die ebenfalls ADHS haben, dann Hallelujah.
Der Rest der Fahrt verläuft, man höre und staune, unkompliziert und relativ friedlich mit nur wenigen spitzen Schreien und dem Gebrüll, wenn K1 K2 angeguckt oder K2 K3 den Sauerstoff weggeatmet hat. Das kennen sicher alle Eltern, nicht nur die von neurodiversen Kindern, allerdings sicher nicht in der Häufigkeit.
Gegen Nachmittag kommen wir dann auf dem Stellplatz in Altstätten an. Ich kann ihn wirklich empfehlen, er ist einfach, aber gut ausgestattet und den Preis finde ich absolut in Ordnung. Wir haben ihn allerdings nicht bezahlt, und zwar aus dem
Grund, dass uns ADHSlern nach einer Stunde dort laaaaangweilig wurde – und wir beschlossen haben, nach ein paar Würstl vom Gaskocher einfach weiterzufahren.

ADHS-typische Wortkreationen: das finnische Wort für "Serpentinen"
Die Fahrt dauerte dann über die Alpen bis nach Cunardo in Italien bis 12 Uhr nachts – und ich muss ehrlich sagen, gegen Ende fiel es dann auch mir schwer, durchzuhalten. Zudem ist die Fahrweise der ItalienerInnen wirklich krass – wir befuhren Serpentinen, die so eng waren, dass mein Navi sie als Strich dargestellt hat, und dabei wurde ich bei 30 km/h so massiv von hinten gedrängelt, dass ich dachte, gleich bewirft man mich mit Pasta.
Wenigstens hatten wir bei der schlechten Straßenbeleuchtung trotzdem genug Licht; die Lichthupe war stets am Start. Ich danke herzlich für die Unterstützung seitens unserer südländischen Freunde.
In meinem Studium habe ich ein Jahr in Málaga, Spanien, verbracht, wo mir meine spanischen Freunde einen "carácter muy mediterráneo" attestierten. Anscheinend bedeutet "ADHS haben" im Spanischen einen "mediterranen Charakter" zu besitzen.
In solchen Momenten wie gerade beschrieben kommt mir der "carácter muy mediterráneo" sehr recht, denn immerhin kann ich wie eine Person aus den südländischen Gefilden fluchen und die vorbeiziehenden und mit Fäusten schüttelnden Italiener mit sehr kreativen Ausdrücken bedenken. Keine Bange, es war nichts Schlimmes dabei, es sei denn, man fühlt sich von Wörtern wie "Faulgurke" sehr beschimpft.
Meine Kinder liebten es.
SportwagenfahrerInnen besitzen übrigens offensichtlich wenig Empathie für Evalia-FahrerInnen – während ich das Gefühl hatte, wir kippen gleich in den engen Kurven, fetzten Erstbesagte knapp und in flottem Tempo teilweise in der Kurve an uns vorbei. Alter Schwede, äh, Italiener.
Apropos Serpentinen, erfand mein Sohn dann in seiner typisch charmanten Art auch gleich ein neues Wort für diese Straßen, deren Ursprung aus dem Lateinischen stammt (serpens = die Schlange). Das hatte ich ihm irgendwann mal erzählt, so dass er dann fröhlich krähte: „Wie heißen die Straßen hier nochmal? Schlängsträß?“
Und schwupps, lernten wir das finnische Wort für Serpentinen.
Endlich angekommen in Cunardo - oder auch nicht
Gegen 12 Uhr kamen wir dann endlich in Cunardo an, unserem Zielort, wo wir bei Giuseppe wohnen wollten. Diesen fanden wir hier: Halt auf dem Bauernhof in den Voralpen
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Für 18 Euro pro Nacht durften wir uns auf seinen ökologisch wertvollen kleinen Hof stellen. Wir bogen in die kleine Straße in Richtung seines Hofes ein und ich freute mich auf eine ruhige Nacht, die ich sicher genossen hätte, wenn ...
... ich den Eingang zu seinem Hof gefunden hätte. Was nicht der Fall war. Dafür sorgte die Tatsache, dass drei kleine Einfahrten - eine davon mit verschlossenem Tor und unbeleuchtetem Gebäude dahinter - von der Straße abgingen, die mäßige Beleuchtung sowie meine mittlerweile echt im wahrsten Sinne des Wortes einschläfernde Müdigkeit.
Wir stellten uns also einfach in die Nähe des Eingangs und schliefen bis in die frühen Morgenstunden genau so, wie wir im Auto saßen. Da Wildcampen in Italien unter Strafe steht und ich davor echt Schiss hatte, stellte ich mir den Wecker auf 4 Uhr morgens und schlief nicht, sondern döste eher.
An meiner Seite meine Siebenjährige, eingekuschelt in meinen Arm auf dem Fahrersitz. Auf dem Beifahrersitz knacke meine Zwölfjährige und mein Sohn hatte sich einfach quer über den Rücksitz gelegt.
So verbrachten wir diese erste Nacht in Cunardo. Am nächsten Morgen erhaschten wir dann einen ersten Blick auf unseren Gastgeber, nur nicht so, wie wir erwartet hätten.
Aber das erzähle ich in Teil 2 ...


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