Guten Morgen, Italien! - Tag 2 unseres ADHS-Trips zum Lago Maggiore
- biancapeiler
- 14. Aug. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Hello zu Tag 2 unseres ADHS-Trips an den Lago Maggiore!
An einem friedlichen Morgen in Italien ...
Nachdem wir in der ersten Nacht nicht den Eingang zu unserem Domizil gefunden und diese somit – wie sich dann bei Tageslicht herausgestellt hat – direkt VOR dem Eingang verbracht hatten, wachte ich morgens um vier aus einem leichten Schlaf auf. Mir war unser Stellplatz in dieser abgelegenen Seitenstraße nicht ganz geheuer, so dass ich beschloss, einfach noch zu lesen und Wache zu halten, bis meine Kinder einigermaßen ausgeschlafen hatten.
Ich war also in mein Kindle vertieft und beobachtete entzückt, wie sich die Dunkelheit um mich herum langsam lichtete. Auf einer großen Wiese links von uns zeigten sich scheu zwei Rehe, die nach wenigen Minuten wieder im angrenzenden Wäldchen verschwanden. Alles war ruhig und friedlich, bis …
… sich ein Auto näherte. Auf diesem abgelegenen Sträßchen, wo sonst kein Haus, kein Auto, kein Parkplatz war.
Die Carabinieri, dachte ich. Shit.
Und mein ADHS-Gehirn, im Modus der typischen Wir-werden-alle-sterben-Erwartungsangst, so: WildcampenistverbotenWildcampenistverbotenWildcampenistverboten
DugehstindenKnastDugehstindenKnastDugehstindenKnast
WashastdudirdabeigedachtWashastdudirdabeigedachtWashastdudirdabeigedacht
DufurchtbareMutterDufurchtbareMutterDufurchtbareMutter
Und japp, diese Gedanken (und noch ein paar mehr, die ich nicht wörtlich wiederholen möchte), kann einE ADHSlerIn gleichzeitig haben.
Unterlegt von schicken Songs wie "Vöööööllig loooosgelöst von der Eeeeerde".
Klappe halten, wies ich meine Gehirnzellen an und reagierte pfeilschnell. Mit Paralyse.
Guten Morgen, Giuseppe! Wir sind Familie Peiler - und wir haben ADHS
Nun stelle man sich folgende Situation vor:
Du kommst von der Arbeit nach Hause und findest vor deinem Grundstück einen geparkten Nissan Evalia. Auf dem Vordersitz liegt schief ein ratzender weiblicher Teenager, daneben hängt ein weibliches Grundschulkind im Arm einer halb verpennten und in diesem Moment nicht besonders ansehnlichen Frau im mittleren Alter.
Den von der Dame resultierenden Blick übertrage man auf einen Italiener in ungefähr demselben Alter. Ist das Wort "fassungslos" übertrieben? Ich denke nicht.
So lernten wir unseren Gastgeber Giuseppe kennen.
Oder auch nicht.
Denn sein Schockzustand war so groß, dass er mit besagtem Blick im Schritttempo an uns vorbei auf sein Grundstück fuhr, dessen Eingang ich endlich im anbrechenden Tageslicht finden konnte.
Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, entschied mich dann aber – angesichts der Tatsache, dass ich definitiv schon weitaus Schlimmeres erlebt habe – für Ersteres. Ich weckte die Kinder, die in wahre Begeisterungsstürme ausbrachen ("Wasn looooos, Mudda?"), wir packten schnell zusammen und fuhren erst mal an den See. Das Wort "fluchtartig" darf man sich gern denken.
ADHS: schlechtes Gewissen inklusive
Ich beschloss, dass wir uns nachmittags vorstellen und Giuseppe selbstverständlich eine weitere Nacht bezahlen würden, denn immerhin hatten wir ja irgendwie auf/an/vor/neben seinem Grundstück geschlafen.
Nun ist es aber nicht so, dass man diesen Vorfall einfach gedanklich beiseite wischen und den Tag genießen kann. Ehe das nämlich geklärt ist, befindet man sich bei ADHS im Panikmodus.
Innerlich war ich also immer in Gedanken bei Giuseppe - mein Mann möge mir verzeihen, "Es ist nicht so, wie du denkst!" -, und konnte daher unseren ersten Tag eher nicht so genießen, wie ich es gern gehabt hätte. Wir ADHSlerInnen leiden nämlich meist unter einer großen Rejection Sensitivity, im Klartext: Wir haben unglaubliche Angst vor Zurückweisung.
Nicht nur, dass ich wahrscheinlich ausgesehen hatte wie eine Wahnsinnige, die mit ihren Kindern geflüchtet ist. Ich hatte auch quasi halbwegs Hausfriedensbruch/Wildcampen oder was auch immer begangen. Was dachte dieser Mensch (den ich wahrscheinlich nach unserem Urlaub nie wieder sehen würde, aber das ist dem ADHS-Gehirn egal) nun von mir?
In einer solchen Gedankenschleife seinen Kindern gegenüber ruhig zu bleiben, die sich im Auto aufgrund der Müdigkeit permanent stritten, ist irrsinnig schwierig, sogar als Elterntrainerin. Zum Glück weiß ich um meine eigenen Besonderheiten ebenso wie um die der Kinder und konnte mir daher denken, dass mit der Zahlung einer weiteren Nacht an unseren Gastgeber die ganze Sache wahrscheinlich geklärt wäre. Und so schob ich diese düsteren Gedanken zumindest halbwegs beiseite und freute mich auf meinen ersten italienischen Kaffee.
ADHS - Planung ist alles!
Selbstverständlich hatte ich mir zu Hause en detail überlegt, wo wir hinfahren, welche Sehenswürdigkeiten wir besuchen und wie wir unsere Tage verbringen würden *hust*.
Wir fuhren also absolut planlos, äh, ich meine, hochmotiviert und uns total im Klaren über unsere Route los Richtung See. Auf dem Navi erschien der klangvolle Name "Luino" und ich dachte, jawoll. Los geht´s.
Am See in Luino angekommen, fand ich überraschenderweise sofort einen Parkplatz.
Wir machten uns zu Fuß auf den Weg, die Gegend zu erkunden, verstanden uns wunderbar, hielten Händchen und strahlten um die Wette. Meine Kinder waren dankbar und glücklich, diesen wunderschönen Ort zu besuchen, und es gab weder Gezanke, noch irgendeine Art von Negativität.
An der Stelle wachte ich aus meinem Tagtraum auf.
Also nochmal, diesmal in real und so.
Denn ein Fußmarsch mit drei übermüdeten und mit der fremden Umgebung überforderten ADHS-Kids ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Es kam dann auch dementsprechend zum ersten Meltdown des Tages, als meine Große meinen Mittleren gerade noch packen konnte – bevor er vor ein Auto lief, das aus einer Ausfahrt fuhr.
Hier traf ADHS Reaktionsschnelligkeit und Hilfsbereitschaft auf einen übermüdeten Zehnjährigen, der auch im Autismus-Spektrum liegt, inklusive der Tatsache, dass wir ADHSlerInnen in Panik geraten, wenn wir von hinten plötzlich umarmt oder gepackt werden.
Es kam, wie es kommen musste. Meine Große hatte meinen Mittleren vor einem ziemlich üblen Auto-Rempler gerettet und kassierte prompt seitens ihres Bruders die Quittung dafür.
Schwupps, stand ich eine dreiviertel Stunde bei bereits abartiger Hitze mit meinem abgeschalteten Sohn auf dem Bürgersteig und tat, was eine ADHS Elterntrainerin in einer solchen Situation tut: warten.
Denn mehr kann man da in der Regel nicht machen außer bei sich selbst sein, ein bisschen dissoziieren und, sobald der Sturm vorüber ist, das gemeltdownte Kind (hey, Wortkreation) in den Arm nehmen.
Kein Zureden, kein Beschwichtigen, insbesondere aber kein schlechtes Gewissen machen oder großartig hinterher besprechen. Es einfach hinnehmen, man kann nichts tun, solange das Gehirn in diesem Ausnahmezustand ist.
Meltdown: Kamma mache nix, muss ma gugge zu
Ein Meltdown ist wirklich ein absoluter Ausnahmezustand der Psyche und entsteht durch Reizüberflutung und Ängste, insbesondere bei bereits vorhandener Erschöpfung. Ein Meltdown ist nicht steuerbar, das ist wichtig zu wissen. Es ist kein Wutanfall und nichts, was man einfach mal wegatmen oder wegerziehen kann, sondern ein für die Betroffenen furchtbarer und fast unaushaltbarer Zustand.
Es ist wichtig, einfach zu begleiten und da zu sein. In Reichweite. Aufzupassen, dass die Betroffenen sich nicht verletzen und möglichst nichts kaputt machen.
Erntet man schiefe Blicke: Sollen sie doch schauen.
Erntet man blöde Kommentare: Sollen sie doch reden.
Hat mein Sohn einen Meltdown, spielt mein Gehirn - das habe ich mir antrainiert - mittlerweile in Endlosschleife das Lied "Ein Elefant für dich", denn so dick muss die Haut sein, die du dir zulegst. Und der Text sagt einfach alles:
Ich seh uns beide
Du bist längst zu schwer für meine Arme
Aber ich geb´ dich nicht her
Ich weiß, deine Monster sind genau wie meine
Und mit denen bleibt man besser nicht alleine
Und ich weiß, ich weiß, ich weiß und frage nicht
Halt dich bei mir fest, steig auf, ich trage dich
Ich werde riesengroß für dich, ein Elefant für dich
(Judith Holofernes, Wir sind Helden)
Das Lied hilft mir manches Mal, mich zu zentrieren und ruhiger zu bleiben als ich es eigentlich kann. So sind wir Eltern von neurodiversen Kids: Wir sind Elefanten. Wir tragen schwer, aber meilenweiter, und brauchen eine sehr dicke Haut.
In diesem Fall war mein Sohn einfach sehr müde durch eine kurze Nacht und völlig durch den Wind (Hitze, fremdes Land, fremde Sprache, Sehnsucht nach Papa).
Das sind dann auch Momente, in denen ich mich selbst hinterfrage.
Mein großer Traum war es immer, viel zu reisen und die Welt zu entdecken. Diese Möglichkeit möchte ich meinen Kindern bieten in Kombination mit dem Schaffen schöner Erinnerungen und vielen Abenteuern.
Aber überfordere ich sie damit? Soll ich sie lieber von so vielen Reizen fern halten?
Ich bin davon überzeugt, dass sie letzten Endes davon profitieren. Der weitere Verlauf der Reise hat es auch gezeigt.
Aber eine leise Stimme ist in solchen schwierigen Momenten immer da, die mir zuflüstert: Ist es der Traum deiner Kinder oder die Projektion deines eigenen Traumes?
Italienisches Frühstück und Kulturschock
Nachdem sich mein Sohn beruhigt hatte, gab es erst mal in einem Café ein leckeres Frühstück und oh.mein.Gott. Ich hatte schon viel von echtem italienischen Kaffee gehört, aber was ich in Italien getrunken habe, war weit entfernt von allen Erzählungen. Es war kein Kaffee, sondern flüssiges Gold. Für mich als ADHSlerin und bekennendem Koffein-Fan ein Träumchen!

Viele ADHSlerInnen sind Substanzen wie Koffein sehr zugeneigt. ADHS bedeutet eine andere Regulation von Botenstoffen, wie Dopamin.
Koffein wirkt ein kleines bisschen wie ein ADHS-Medikament, wobei es bei unterschiedlichen Menschen mit ADHS auch unterschiedliche Wirkungen haben kann. Diese können auch abhängig sein von psychischem Zustand sowie von der Tageszeit.
Trinke ich beispielsweise nachmittags Kaffee, habe ich Einschlafprobleme. Trinke ich Kaffee direkt vor dem Einschlafen, ratze ich wie ein Baby (ein neurotypisches Baby. Ein Baby mit ADHS ist wie Chuck Norris - es schläft nicht, es befindet sich kurz im Standby-Modus).
Was definitiv kein Träumchen war, war der Kulturschock beim Besuch der Toilette. Ich schickte erst meine Große zusammen mit meiner Kleinen und musste schmunzeln, als beide nach zwei Minuten zurück kamen mit der ratlosen Frage: „Mama, warum haben die denn kein Klo, sondern nur Duschen?“
Die Duschen stellten sich als Plumpsklos heraus. Dass es so etwas in europäischen Gefilden noch gibt, wusste ich allerdings auch nicht.
Nachdem wir die Duschen, pardon, die Toiletten besucht hatten, spazierten wir an der Uferpromenade entlang - was nur halb so harmonisch klingt wie es tatsächlich war - und machten uns dann auf, die Gegend mit dem Auto zu erkunden.

Meine beiden Jüngeren schlummerten während der Fahrt ein und ratzten auch noch weiter, als wir in einem kleinen Dörfchen einen winzigen Strand entdeckten. So warteten meine Große und ich und lasen ein bisschen, bis K2 und K3 wach wurden und wir gemeinsam zum Wasser gingen.
Tja, warum schreibe ich von „einem kleinen Dörfchen“? Weil meine Kinder am nächsten Tag unbedingt zum gleichen Strand wollten und ich keine Ahnung mehr hatte, wo das war.
Mist. Hat hier jemand ADHS?

Wir genossen den restlichen Tag ebendort und fuhren gegen Abend zu Giuseppes Hof, wo wir uns ausruhten und etwas Leckeres vom Gasgrill aßen. Okay, meine Kinder fanden es nicht so lecker und meckerten ausgiebig, wie „eeeeeeklig“ das sei. Müde vom Tag und der vorangegangenen Nacht meckerte ich ausgiebig zurück, bis es mir egal war und ich den Kindern Chips erlaubte. Urlaub und so.
Hier lernten wir dann auch endlich Giuseppe kennen, der sehr nett war und herzlich über die Erklärung der Episode am Morgen lachte. Meine Erleichterung darüber, aber auch der Ärger, dass ich mich selbst mal wieder so verrückt gemacht hatte, machte seine freundliche Art allemal wett.
In seiner Trattoria tranken wir etwas und ließen den Abend mit Uno und Mau-Mau ausklingen.
Mir stand noch der Umbau des Autos bevor, denn in dieser Nacht wollte ich uns ein wenig mehr Komfort gönnen. Daher baute ich das Bett im hinteren Wagenteil auf, das ich selbst zusammengezimmert hatte – und hoffte inbrünstig, dass es nicht zusammenbrechen würde. Leider hatte ich vor unserem Urlaub keine Zeit, es komplett nach meinem Plan *doppelhust* zusammenzubauen, daher zeige ich euch Fotos, wenn es fertig ist.
Gemeinsam mit geschätzten 72 Stechmücken, die gefühlt "Macarena" summten, kuschelten wir uns in unsere Schlafkojen, K2 hinten auf dem Campingbett und meine zwei Mädels mit mir auf den umgeklappten Vordersitzen, und erzählten uns noch ein paar Geschichten, bis wir dann einschliefen.
Stay tuned für Tag 3 - mit einer ewig langen Suche nach dem perfekten Strand, einer ebenso langen Suche nach dem perfekten Restaurant, einer einäugigen Katze und der Antwort auf die Frage: Warum heult die Frau Peiler fast beim Bezahlen der Restaurant-Rechnung? So viel sei verraten: Es lag nicht am Preis...

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