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Wer bin ich, was mach ich, was will ich überhaupt?

Mein erster Blogbeitrag – yay!

(Kurze Anmerkung schon mal: Da ich ADHS habe, kann es natürlich sein, dass ab jetzt für zwei Wochen mehrere Blogbeiträge pro Tag erscheinen und dann ein Jahr lang erst mal gar nichts mehr – wer kennt´s?)


Da ich mich ja nun einmal ADHS Coach schimpfe, möchte ich einmal erzählen, wie es überhaupt zu dieser klangvollen Bezeichnung kam, zu der ich im Übrigen eine leidenschaftliche Hass-Liebe pflege.


Hass-Liebe deshalb, da die Bezeichnung „Coach“ ein nicht geschützter Berufsbegriff ist, der praktisch von jedem genutzt werden kann, der gerne mehr oder weniger therapeutisch oder alltagsbehilflich arbeiten möchte.

Hass-Liebe deshalb, da … siehe meinen gerade geschriebenen Satz.


Die Bezeichnung birgt sowohl positive wie auch negative Aspekte, denn: Mit meiner Ausbildung als ADHS-Trainerin nach Cordula Neuhaus habe ich damit die Möglichkeit, mein Berufsbild klar zu beschreiben und gleichzeitig ebenso klar von dem Beruf der Therapeutin abzugrenzen.


Andererseits birgt der Begriff natürlich immer die Gefahr, nicht ernst genommen zu werden, da sich leider auch viele unseriöse Angebote im Coachingbereich tummeln und ihn eben jede*r benutzen kann.


Tja, gern hätte ich tatsächlich sowas „Seriöses“ wie Psychologie studiert, was vielleicht geklappt hätte, wenn ich nicht 42 Jahre lang mit einem unbehandelten ADHS-Gehirn durch die Gegend gesemmelt wäre.


In Kurzform heißt das:

Grundschule: unauffällig, gute Noten, überangepasst, was übrigens typisch für Mädchen mit ADHS ist. Unglücklich war ich trotzdem; der Leidensdruck war immer da. Reingepasst habe ich nirgendwo so richtig und ich wusste oft nicht, wohin mit diesen ganzen kreativen Gedanken, Tagträumen, aber auch mit der Wut in meinem Bauch.


Apropos Leidensdruck ... Druck gab es dann auf dem Gymnasium reichlich, so dass meine Noten tiefer sackten als der grabefreudigste Maulwurf der Welt. Im elften Schuljahr blieb ich dann – trotz einer Reihe Einsernoten im sprachlichen Bereich – zum zweiten Mal sitzen, auch aufgrund des anhaltenden Mobbings, das leider nicht nur von Schüler*Innen, sondern auch von diversem Lehrpersonal ausging.


Mit der beruflichen sowie persönlichen Schieflage ging es nahtlos weiter; ich taumelte von einem Aushilfsjob zum nächsten und die Tatsache, dass ich zu jenem Zeitpunkt definitiv auch liebestechnisch nicht unbedingt einen glücklichen Griff gelandet hatte, führte zu einer nicht angetretenen sowie zwei abgebrochenen Ausbildungen, ehe ich mich endlich trennte und mir dann fest vornahm, mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen.


Gesagt, getan meldete ich mich auf dem Saarland Kolleg an und absolvierte innerhalb von knapp 3 Jahren im Alter von 24 das, was ich mit 18 hätte tun können, wenn ich denn eine Diagnose und Behandlung gehabt hätte. Meine Leistungsfähigkeit, die Menschen mit ADHS vom eher impulsiven Typ eigen ist, half mir dabei, diese Zeit zu überstehen, die aus 4-5 Stunden Schlaf pro Nacht, morgendlichem Pauken in der Schule, meinem Haushalt sowie meinem nächtlichen Job und der Fahrschule bestand. Irgendwie hab ich´s hingekriegt, mein Abitur trotzdem mit 2,4 zu bestehen – hätte deutlich besser sein können mit einer gescheiten ADHS-Behandlung, ich sag´s ja nur.

(Unter anderem deshalb sehe ich persönlich elterliche Aussagen wie "Schul is uns net so wichtig, der kann jo sei Abschluss noch nachholle" eher kritisch gegenüber. Es ist meist kein Zuckerschlecken, "sei Abschluss nachzuholle".)


Während der Abi-Phase lernte ich meinen jetzigen Mann kennen und während meines Studiums der Übersetzungswissenschaft zog ich zu ihm nach Zweibrücken. Wie ich das Studium geschafft habe – ich hab keine Ahnung. Es bestand im Wesentlichen aus Langeweile gepaart mit Selbstzweifeln und der Anwendung von Skills, die ich mir im Laufe des Lebens zugelegt hatte, ohne zu wissen, dass ich sie nur deshalb brauche, weil mein Gehirn nicht neurotypisch ist. Und ja, Gedanken wie "Das wäre mit der richtigen ADHS-Behandlung ein besserer Abschluss geworden" plagen mich noch heute ab und zu.


Dennoch wäre ich nie im Traum darauf gekommen, dass all meine Schwierigkeiten mit einem nicht-neurotypischen Wahrnehmungsstil zusammenhängen könnten.

Erst als Mama von zweikommadrei Kindern (sprich: schwanger mit Nummer 3) erkannte ich, warum ich all diese Skills immer gebraucht hatte. Zu dem Zeitpunkt war unsere Große nämlich zur ADHS-Diagnostik angemeldet und die Erzieherin unseres Sohnes sprach mich darauf an, ihn bitte auf ADS (damalige Bezeichnung) untersuchen zu lassen. ADHS war für mich bis dato immer "diese unfähigen Eltern, die ihre Kinder nicht im Griff haben". Tjo, Karma ist bekanntlich eine ... insert unflätige Bezeichnung.


Erst zu jenem Zeitpunkt machte ich mich mit dem Thema ADHS vertraut und stellte mit Entsetzen fest, dass ich eine wandelnde Symptomlawine war. Nach einem Selbsttest, bei dem ich 94 von 100 Fragen mit „JA!!!“ beantworten konnte, knallte ich zunächst einmal den Laptop zu und tauchte emotional unter.


Ich, ADHS? Neeeee. Nee. Neeeeeeee.


Jahre und eine Diagnose für mich später bin ich mittlerweile nicht nur so umfassend über das Thema informiert, dass ich mich selbst als Expertin bezeichne, ich bin auch ausgebildete Elterntrainerin nach Cordula Neuhaus und arbeite als – siehe oben – ADHS-Coach.

Wie es genau dazu kam, darüber gibt es demnächst einen eigenen Blogbeitrag (falls es mein ADHS-Gehirn nicht vergisst).


Und glaubt es oder glaubt es nicht, bei all den Schwierigkeiten, die ADHS mit sich bringt - ich würde diesen Wahrnehmungsstil um nichts in der Welt hergeben. Ohne den Leidensdruck klein reden zu wollen, sind wir neurodiverse Menschen eine Bereicherung für diese Welt. Scham und Angst sind nach wie vor auch meine ständigen Begleiter, so wie kleine Teufelchen, die mit einer Tasse Kaffee auf meiner Schulter Platz nehmen, um mir so gut es geht den Tag zu versauen.


Aber sie wurden sehr viel kleiner, seit ich nicht nur meine bewährten Skills, sondern auch mein Wissen um ADHS habe.

 
 
 

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